Das neue LehrerInnendienstrecht im Ministerrat beschlossen

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Schon komisch, dass nach 35 Runden nicht die Bohne einer Annäherung zu erreichen war - ob daran wirklich nur die Gewerkschaftler Schuld tragen, wage ich zu bezweifeln. Dann noch die Chuzpe zu besitzen am letzten Verhandlungstag den LehrervertreterInnen vorzuwerfen, sie hätten den kurzfristig angekündigten Ausbesserungsvorschlag (auch wenn dieser letztendlich nur den AHS und BMHS-LehrerInnen zugute gekommen wäre) nicht eingefordert, ist ein starkes Stück Verhandlungsunmut.

Aber man muss die Zeichen der Zeit nützen - denn momentan schießt sich alles auf die "verd...." LehrerInnen ein, so als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt als das neue LehrerInnendienstrecht. Die 360000 Arbeitslosen, der fehlende Wille zur Umverteilung von Vermögen wirklich "Besitzender" durch eine Vermögenssteuer und Erbschaftssteuer, die Dauerbelastung von Löhnen und Einkommen kleiner und mittlerer Gewerbe, nööö, das wollen und können wir nicht angehen. Wir Österreicher sind ja der globalisierten Wirtschaft ausgesetzt bzw. verpflichtet. Schön wäre es, wenn wir für unsere Arbeiter, Angestellten und Beamten jene Zustände schaffen könnten, wie sie in China oder Indien herrschen - dann wäre die Wirtschaft wirklich frei. Frei von jeden Fesseln - und alles wäre gut, oder doch nicht? Gewerkschaftlicher Kampf? Nein, der gehörte dann der Vergangenheit an. Arbeitsrecht? Wofür? Nur dann, wenn es der Gewinnmaximierung dient. Betriebsräte? Nein, das sind nur Verhinderer, verhaften sollte man sie oder wenigstens entlassen dürfen.

Wie sehr das Thema LehrerInnen und ihr Dienstrecht "einschlägt", entdeckt man wieder einmal in den Leserforen der diversen Online-Printmedien, die schon kurz nach Verlautbarung des Scheiterns der Verhandlungen überquollen von größtenteils abwertenden und häufig auch hasserfüllten Kommentaren. Die 6 Millionen Schulexperten hatten sich wieder einmal zu Wort gemeldet. Das Thema "Budgetloch" jedenfalls hatte sich vorläufig erledigt. Das Thema Chancengleichheit von nicht so privilegierten Kindern bleibt weiterhin ungelöst und das Standesbewusstsein auch innerhalb der LehrerInnenschaft scheint sich weiterhin durchzusetzen, auch wenn das neue Dienstrecht diesbezüglich ein wenig dagegensteuert, dies allerdings mit weitreichenden Folgen für Arbeitsschutz, Dienstzeiterhöhung und langfristig mit enormen Einkommensverlusten.

Seltsamerweise finden sich derzeit nach den fehlgeschlagenen Verhandlungen mit der Noch-Regierung  sehr wenige Kommentare auf den Seiten der verschiedenen Gewerkschaftsfraktionen. Doch kein Thema, außer für BMHS und AHS? Andererseits haben alle Fraktionen der LehrerInnengewerkschaft den Entwurf in dieser Form abgelehnt - über ihre unterschiedlichen Ideologien hinweg, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Etwas verstehe ich nicht ganz, falls die Aussage im Artikel des Standards so richtig wiedergegeben ist:

"Gehalt: Das Einstiegsgehalt soll künftig für alle Lehrer bei 2420 Euro brutto liegen (Bundeslehrer derzeit: rund 2220 Euro; Landeslehrer: 2025). Statt bisher 17 bis 18 Gehaltssprüngen alle zwei Jahre gibt es sieben Gehaltsstufen und die erste Vorrückung nach 13 Jahren - allerdings werden die Ausbildungszeiten ab der AHS- bzw. BHS-Oberstufe bzw. Vordienstzeiten angerechnet, wodurch man im Regelfall nur etwa vier Jahre in der ersten Gehaltsstufe bleibt. In der letzten Gehaltsstufe 4330 Euro (derzeitiges Letztgehalt Bundeslehrer 5140 Euro; Landeslehrer: 4500 Euro). ..."

Das lässt mich fragen, ob jene universitär gebildete bzw. hochschulgebildete LehrerIn, die an einer NMS unterrichten wird, wirklich erst 9 Jahre später ihren ersten Gehaltssprung erleben wird und ihr Kollege in der Oberstufe eben 9 Jahre früher? Mit welcher Argumentation wird hier wieder der Status Quo hergestellt? Abgesehen davon wird das Beschäftigungsbild einer zukünftigen LehrerIn sicher nicht mehr so einheitlich sein, wie es bisher war. Schon jetzt arbeiten KollegInnen aus der AHS in meiner NMS, die sehr wohl in beiden Schultypen und eben auch sowohl in Sekundarstufe 1 als auch 2 ihren Dienst tun. Welcher Gruppe soll hier "geschmeichelt" werden um der lieben Wählerstimmen wegen? Sind dann meine ganzen Bologna-Titel nichts wert, selbst nicht die erworbenen Masters, nur weil ich an einer NMS oder gar VS unterrichte? Weshalb sollen die Vordienstzeiten, welche an einer PH abgeleistet wurden, NICHTS wert sein? Darauf "stehe" ich echt nicht mit all meinem Standesbewusstsein.

Unsere zukünftigen jungen KollegInnen werden also weiterhin mit 1 Stunde Geschichte und 1 Stunde BU und Physik usw. Kompetenzen an Kindern schulen müssen, die sie in Zeiten wie diesen ohnehin nicht mehr erreichen werden können. Sie werden daneben ihre Masterausbildungen nachholen "dürfen" und Angst davor haben, dass sie nicht in das Bild ihrer zukünftigen Schule passen - denn Direktionen werden darüber bestimmen, wer darf und wer nicht. Und so nebenbei werden sie in der Nachmittagsbetreuung arbeiten, diesmal aber nicht einmal mehr mit einer halben Stunde pro Unterrichtseinheit bezahlt, sondern eben im Zuge ihrer 24 Stunden Lehrverpflichtung. Das ist der große Wurf. Bin schon gespannt, welcher Anteil der eingesparten Geldsummen tatsächlich auch der Verbesserung des Schulalltages und damit auch den SchülerInnen zugute kommen wird.

PS: Die Brutto-Gehälter erscheinen ziemlich hoch, wenn man sich so die Ziffern anschaut. Dass aber nach spätestens 25  Dienstjahren die kalte Steuerprogression dermaßen zugeschlagen hat, dass man die letzten 10 Jahre schön brav seine 2000 Euro kaum mehr übersteigen wird - egal wie sehr man "gesprungen" ist, das wird selten erwähnt. Abgaben bis 60 % des Bruttolohnes sind normal - Gewerbetreibende mit einem Hang zur Gewinnorientierung lachen sich krumm ob dieser Verdienstsummen. Pragmatisierungsargumente ziehen auch nicht mehr und ASVG-Pensionen sind dann die Regel. Und dann sind wir endlich alle gleich, oder doch noch nicht alle? Die Transaktionssteuer wird es auch dann nicht geben - denn nur wer wirklich gute Geschäfte ohne Risiko für sich selbst schnell macht, hat eine wirtschaftliche Existenzberechtigung, eh klar. Entfesseln wir weiter. Doch wer sind WIR? 

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