Geldstrafen für Schulschwänzer

Max und Moritz
Bildquelle: Wikimedia Commons / Wilhelm Busch; public domain; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Max_und_Moritz.JPG

"75.000 Jugendliche in Österreich besuchen keine Schule, sind nicht in Fortbildung und gehen keiner Arbeit nach. Das sind rund acht Prozent aller Jugendlichen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Linz und der Arbeiterkammer. Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) fordert nun höhere Strafen, wenn die Schule nicht regelmäßig besucht wird. ... " (Quelle: Der Standard)

„Schulschwänzen“: Eine empirische Erhebung potenzieller Einflussfaktoren auf das unerlaubte Fernbleiben von der Schule.

"In der Literatur wird die These vertreten, dass der Schulabsentismus ein schichtspezifisches Problem darstellt: Schüler/innen aus Unterschichtfamilien versäumen häufiger unerlaubt den Unterricht (vgl. Ricking 2006). Die vorliegende Untersuchung zeigt demgegenüber ein anderes Bild. Schüler/innen aus der Oberschicht bleiben statistisch signifikant (p<0,01) häufiger dem Unterricht fern als Schüler/innen der mittleren und unteren sozialen Schicht.

Einen weiteren soziökonomischen Einflussfaktor stellt der Migrationshintergrund dar. Schüler/innen mit Migrationshintergrund fehlen statistisch signifikant (p<0,01) öfter als Schüler/innen ohne Migrationshintergrund. Außerdem gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede: Burschen bleiben statistisch signifikant (p<0,05) weniger Tage unerlaubt der Schule fern als Mädchen. ..." (Quelle: Univ.-Prof. Dr. Richard Fortmüller, Sabine Meier)

"Jeder zwölfte Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren befindet sich weder in einer Schule, noch in einer Ausbildung, noch am Arbeitsmarkt. Die Zahlen sind zwar im europäischen Vergleich recht gut, für den Studienautor, den Soziologen Johann Bacher von der Uni Linz, dennoch alarmierend. 40 Prozent dieser Jugendlichen stammen aus "bildungsfernen Familien", in denen auch die die Eltern keinen oder einen niedrigen Schulabschluss haben. Besonders betroffen sind Migrantinnen und Migranten: Jeder fünfte Jugendliche mit Migrationshintergrund gehört dieser Gruppe an. ...  (Quelle: www.kleinezeitung.at)

So, nun sind wir wieder einmal so weit. Die Kleine Zeitung sagt es ganz klar: "Jugendliche ohne Perspektive" - und die Antwort? Höhere Strafen. Strafen scheint immer gut zu wirken, wenn es um andere geht. Nur komisch, dass eben jene bestraft werden sollen, die ohnehin bestraft genug sind. Die kann man dann ja mehr strafen, auch wenn sie die Strafen selbst gar nicht begleichen können (Siehe Link zum Salzburger Fenster, in dem berichtet wird, dass der 14-Jährige seine Strafe selbst bezahlen soll.) Irgendwie erinnert mich das alles an Oliver Twist, an Zeiten, die eigentlich schon lange vorgangen sein sollten. Strafen sollen der Abschreckung dienen, deshalb werden in China jedes Jahr mehr als tausend Menschen hingerichtet, in den USA mehr als hundert, aber von Verbrechen sind beide Staaten noch nie befreit worden.

Also worum geht es? Um Rache der Braven an den Bösen? Oder wohl doch nur um plakatives Aufgeheule als Zeichen der allgemeinen Hilflosigkeit in Zeiten schwächelnder Konjunkturdaten, wenn allgemein sichtbar wird, dass Jahrzehnte lang versäumte Integrationspolitik eben jenen in die Schuhe geschoben werden kann, an denen "versäumt" wurde. Ich bin ja nur biederer HS-Lehrer, der zur Zeit KV einer Vierten ist mit lieben netten MigrantInnen. Die schwänzen kaum, außer es geht um Wandertage, denn die mögen meine türkischen Mädchen mit wenigen Ausnahmen nicht so gern, was soll ich machen? Ich erhalte meine Entschuldigungen, auch wenn ich den wahren Hintergrund kenne. Von Schulschwänzen würde ich jedenfalls nicht sprechen, mehr von "Bewegungsflucht". Ob man dafür auch eine entsprechende Strafe festsetzen könnte? 50 € pro Wandertag oder gar 100 €?

Zurück zur Perspektive - Ich stelle mir nun mal vor, eine/r jener 75000 zu sein und warum ich eine/r davon wäre:

Ich bin nicht besonders gescheit, aber ich bin jung, kräftig und voller Tatendrang. Ich erfahre meine Eltern und Verwandten höchstens am Abend oder am Wochenende. Den Großteil meiner Zeit habe ich seit meinem 10. Lebensjahr selbst zu gestalten - und wohl auch zu verantworten, aber das ist mir noch immer nicht bewusst. Das ewige Herumsitzen in der Klasse nervt mich - ich würde gerne was tun, was meiner körperlichen Befindlichkeit entspricht, so wie mein Vater, der immer davon spricht, was er für ein harter "Buggler" ist. In meiner Gesellschaft geht es um das "Gemeinsam schaffen", "Zusammen bestehen". Das wird auch mich retten, denn die Familie schafft alles. Deshalb bin auch ich gegen Vermögens- und Erbschaftssteuern. Oje, hab ich mich da getäuscht? Nein, "der Papa wird's schu richt'n." Ich verstehe meine LehrerInnen nicht - auch nicht meine superkluge Tante, die studiert hat - ihre Worte haben keinen Inhalt, ich höre sie nur, doch deren Bedeutung kenne ich nicht, außer sie heißen IPAD, IPHONE oder ANDROID. Das ist wichtig - immer drinnen zu sein, dort wo sie sind, meine Freunde und Freundinnen. In der großen CLOUD liegt das Glück, das sehe ich jeden Tag im TV und am Mobile Phone. Und die Typen, die mit mir Anstellungsgespräche führen, die wollen, dass ich mindestens einen BMS-Abschluss habe und das und jenes beherrsche. Dabei ist es doch wichtig ein IPAD oder IPHONe zu haben. Das hab ich nämlich - man kriegt es gratis bei 3 oder Orange. Warum erkennen sie das nicht an? .....

So könnte ich weiterschreiben, noch viele Zeilen, und sie betreffen sicher nicht nur MigrantInnen, sondern einfach denkende ÖsterreicherInnen, SchwedInnen, Deutsche, Franzosen, US-Amis und Briten. Die ökonomischen Umwälzungen der letzen Jahrzehnte haben eine Gruppe von Menschen geschaffen, die in eben dieser Sitution stecken und mit BESTRAFUNG sicher nicht herausfinden. Aber möglicherweise sollen sie gar nicht herausfinden - brauchen die GUTEN die BÖSEN, damit sie sie BESTRAFEN können?

Jedenfalls ist es ABSURD einen 14-Jährigen dazu zu verurteilen, dass er seine eigene Schulschwänzerstrafe bezahlt, die er nicht bezahlen kann, weil er ja erst 14 Jahre alt ist und noch gar kein Einkommen besitzt.

Es sollte unserer Gesellschaft etwas wert sein, diese Problematik anders zu bekämpfen als mit STRAFEN, da bin ganz bei unserem Sozialminister - wie heißt er doch gleich? (Ich wette, dass 5 % unserer LehrerInnenschaft seinen Namen nicht kennen, nur wie soll ich das beweisen?). Man sollte diese 5 % bestrafen, denn dieser Zustand darf ja nicht sein, LehrerInnen müssen das wissen. 

PS: Ob Max und Moritz auch geschwänzt haben? Sicher, keine Frage - und sie sind ordentlich bestraft wurden. Was haben ihre Eltern wohl gelitten? Oder hat es sie gar nicht gegeben? Herr Busch hat jedenfalls nie über sie gesprochen.

PPS: Meine Eltern hätten zu meiner Glanzzeit 1972 sicherlich mehr als 500 Euro zahlen müssen, denn damals konnte ich mit Bildnerischer Erziehung wenig anfangen, ich war ja Naturwissenschaftler. Und so war ich mehr in der Bäckerei Wachtler bei einem "Kleinen Braunen" zu finden während der BE-Stunden als in der Schule. Unser damaliger Zeichenprofessor war übrigens damit sehr zufrieden, denn dann hatte er keinerlei Störungen zu befürchten. Das war vor 40 Jahren. "O TEMPORAE, O MORES!"

PS: Ich hätte nicht gedacht, dass das Thema Griechenland und Euro plötzlich so schnell weichen würde. Nun ist es eine verlorene Generation, die es eigentlich schon immer gab - und wohl auch immer geben wird. Denn eine so reiche Gesellschaft wie die unsere müsste wohl mit 75000 Perspektivelosen so umgehen können, dass kein Blut fließen wird - und auch nicht neue Gefängnisse gebaut werden müssen. Wie ergeht es da Städten wie Mexico City, welche nicht 8 Millionen Einwohner besitzen sondern 36 Millionen? Was tun die Behörden In Istanbul, die mit 19 Millionen umzugehen haben? Bei uns wird der Solidarbeitrag für Reiche bei einem Jahreseinkommen von 180000 Euro festgelegt. Vielleicht kommen bei den angedachten Strafen ähnliche Steuereinnahmen zusammen? Das was hier abläuft ist ABSURDISTAN live. Ich möchte Herrn Rauscher nur noch darauf hinweisen, dass - nur meiner persönlichen Erfahrung nach - die großen Schwänzertypen/innen aus der beheimateten Bevölkerung stammen. Von den 60 % Menschen mit Migrantenhintergrund  in meiner Klasse schwänzt niemand um sich perspektivelos zu machen, ganz im Gegenteil - sie bemühen sich, sie rackern und versuchen ihre Handicaps aufzuholen. Jene Pauschalurteile, die momentan medial kolportiert werden, beginnen mich zu ekeln. 

Pumpt doch bitte Geld in die Ausbildung der "Verlorenen" statt in den Koralmtunnel oder den Brennerbasistunnel! Fragt Herrn Putin, ob er von seinen 600 Milliarden was übrig hat oder die Amis, welche schon auf ihre nächste kriegstlancierte Konjunktur warten, wenn dem Iran das Seine blüht! Dann haben unsere Journalisten auch wieder andere Aufgaben - und die heimische verlorene Generation ist dazu obendrein vergessen.  Dann können wir den Verlorenen ja empfehlen Kriegsberichterstatter zu werden - in einem prekären Arbeitsverhältnis natürlich - 10 Euro pro Lebensgefahrssituation.

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Wikimedia Commons / Wilhelm Busch; public domain; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Max_und_Moritz.JPG

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