Geldverleih - Kredite - Zinsen - Wucherei

Schandbrief Wolfsbüttel
Bildquelle: Wikimedia Commons; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schandbrief_wolfenbuettel.jpg; Schandbrief der Grafen von Schaumburg, Staatsarchiv Wolfenbüttel, 3.11.2014; public domain

Wenn man sich in der Recherche durch all diese Informationsangebote hindurchklickt und - so wie ich - inhaltlich überfliegt, dann gibt es eigentlich keine Wucherei, keine überhöhten Zinsforderungen, denn eigentlich sind sie ja nicht erwünscht, religionsweise sogar verboten. Doch mit dem marktwirtschaftlichen Pärchen Angebot & Nachfrage kann man alles umschiffen, auch überhöhte Preise und die eigenen Raffgier, das eigene, aber leider nicht erkannte Versagen. Doch weshalb Versagen? Nein, anerkanntes gesellschaftliches, manchmal sogar erwünschtes Verhalten, Antriebsfeder der Wirtschaft und des Handels? Doch Handel und Verkauf kann nicht funktionieren, wenn er sich selbst mit überhöhten Forderungen ruiniert. Dann werden beide zu Versklavung führen. Wem kann das nützen? An dessen Ende stehen Chaos und Anarchie, Mord und Totschlag.

Einer meiner früheren Schüler nahm auf einen mehrtägigen Wandertag ganz bewusst in einer eigenen Tasche viele Packungen Chips und Mannerschnitten mit. Niemand wusste davon. Als dann am 2. Tag den anderen alle ihre eigenen Mirbringsel ausgegangen waren begann er mit dem Verkauf seiner Packungen zum 5-fachen Preis. Er wurde sie alle los. Es gelang ihm ein Profit von mehr als 50 Euro. Schlau, der kleine Kerl, oder nicht? Zu bewundern oder zu verachten? War er ein Wucherer oder nur das Idealbild eines guten Verkaufmanns?

Warum dürfen Wohnungen mit 60 m2 in unseren Gegenden beim Ankauf bereits 300 000 Euro kosten oder um mehr als 1000 € vermietet werden? Mehr als 1 Million ÖsterreicherInnen sind armutsgefährdet. Viele davon können sich derartige Unterbringungen gar nicht leisten, benötigen Sozialhilfe und Mietsubventionen - und diese bezahlt wieder die Allgemeinheit, die sogenannten SteuerzahlerInnen. Damit finanzieren sie wiederum die überhöhten Forderungen der Anbieter an Unterkünften, denn ein zusammenbrechender Markt wird somit weiterhin hinausgezögert. Eine verrückte Welt, doch eigentlich ist nicht die Welt verrückt, sondern der Markt? Der Mensch? Der Darm?

Aufgehängt- wie dieser Schandbrief dargestellt - werden wird jedenfalls derzeit nicht mehr heute, aber die Existenz kann es uns dennoch kosten.

"Wie oft zu lesen ist, wurde Christen das Wuchern, also das Zinsnehmen verboten. Genannt wird dabei das ausdrückliche Verbot durch Papst Innozenz III. aus dem Jahre 1215, der für seine ausufernde Vetternwirtschaft bekannt war, seinen Verwandten gegen üppige Geldzahlungen politische Ämter verschaffte und zudem die Plünderung von Konstantinopel zu verantworten hatte, was zum endgültigen Bruch mit der griechischen Kirche führte. Abgesehen von seinem eigenen eher fragwürdigen Geschäftsgebaren, muss man sich das formelle Zinsverbrot des Papstes nicht als finale Problemlösung vorstellen, das per Dekret eine ungewünschte Wirklichkeit einfach aus der Welt schafft, sondern als bloßen Rückgriff auf die hebräische Bibel, heißt es doch dort beispielsweise im 3. Buch Moses 25.36 bereits: „Nimm keinen Zins (נשך) von deinem Bruder…“, wobei man den Begriff נשך auch als „Bissen“ übersetzen könnte. Sinngemäß gemeint ist jedoch, dass man keinen Vorteil daraus ziehen oder irgendwelche Vergünstigungen erstreben soll, wenn man seinem Bruder Geld leiht, was sich nicht nur auf die leiblichen Brüder bezog. Im Wortsinn gemeint war, sich nicht zum Essen einladen zu lassen, weil man einen Kredit vergab, da dieser „Bissen“ demgemäß ein Zugewinn wäre.

So wenig aber, wie es heute gelingt, mittels bloßer Verbote Steuerhinterziehung, Prostitution, Mord, Kindesmissbrauch, Falschparken, Versicherungsbetrug oder Produktpiraterie ein für allemal aus der Welt zu schaffen, so wenig effektiv war nun ein formeller Appell des Papstes bezüglich des Erhebens von Wucher (= Zins). Seine Aussagen waren zudem lediglich für den Klerus verbindlich, nicht jedoch für die Bürgerschaft der Reichsstädte, Fürsten oder Könige. Es handelte sich demnach um kein Verbot in Form eines Reichsgesetzes, etwa im Sinne einer 1530 in Augsburg beschlossenen Constitutio Criminalis Carolina, sondern vielmehr um eine Art Gedankenanstoß, wie wir es etwa aus den Sonntagsreden deutscher Bundespräsidenten kennen („Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen“ oder „Der Islam gehört zu Deutschland“, etc.). Entsprechend unerhört blieb auch das Zinsverbot, welches es de facto auch nicht gab. Für Christen war es demnach selbstverständlich möglich und üblich, Geld zu verleihen und dafür Zinsen zu nehmen. Christlicher Wucher (Zins) war dann legal, wenn es vertraglich so vereinbart wurde." (Quelle: http://jhva.wordpress.com/2012/06/20/uber-den-wucher-judischer-und-christlicher-geldverleiher/; 3.11.2014)

"Das Mittelalter kannte keinen Präkapitalismus. Mehr und mehr Historiker verwerfen heute diese Idee von Fernand Braudel, Roland Barthes und Max Weber. Zwar vermehrten sich Münzprägung und Münzumlauf, aber es fehlte das Konzept des Geldes, so wie wir es heute verstehen. Das kam erst im 18. Jahrhundert auf. Es gab nicht unsere abstrakte Idee des Marktes, sondern es existierten vielerlei Märkte, jeder für sich, lokal, regional, und wer Waren von einem Markt zum nächsten bringen wollte, war auf Geldwechsler angewiesen. Deren Bedeutung nahm überhaupt erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts zu. Sie waren die ersten Bankiers und hießen deshalb so, weil sie in der Tat auf den Bänken der Straße und nicht etwa in Häusern ihrer Arbeit nachgingen, dem Geldwechseln. Mit den modernen Bankiers sind sie nicht zu vergleichen. Ein Fortschritt war dann, im 14. Jahrhundert, das Aufkommen der Wechsel, die es den Händlern ersparten, mit großen Mengen von Münzen auf Reisen gehen zu müssen – aber die Verbreitung der Wechsel war begrenzt. Selbst die Hanse gab sich nicht viel mit Geld im heutigen Sinne ab; eine Ausnahme waren die italienischen Handelsstädte..." (Quelle: Mediävist Jacques Le Goff; Die Zeit -Interview; 3.11.2014)

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