Noten oder Pensenbuch?

Zeugnistag
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Alle Jahre wieder kommt dieser Vorstoß zur beabsichtigten SchülerInnen- und Kindgerechtheit. Der Irrglaube, dass seitenlange Evaluierungsbögen und Schachtelsätze in denen sogenannte erreichte Lernziele bis in jede Einzelheit ausformuliert werden könnten - und anschließend auch gelesen werden - scheint noch immer in manchen Köpfen fröhliche Urständ' zu feiern. Den VertreterInnen dieses Glaubens scheint noch immer nicht klar zu sein, dass LehrerInnen

  • nicht nur BeurteilerInnen bzw. TesterInnen sind
  • dass der Tag immer noch nur 24 Stunden hat.
  • dass das Ausformulieren von Lernzielen manchmal schriftstellerisches,  legistisches Können erfordert und vor allem unheimlich viel Zeit und auch Energie, die einfach nicht vorhanden ist
  • dass diese Zeit weitaus wertvoller genutzt werden kann für Gespräche mit Kindern und Eltern, Kollegen und auch für eine entsprechende Unterrichtsvorbereitung.
  • dass - wie es aus vielen Leserforumsbeiträgen seitens von NichtlehrerInnen ersichtlich wird - diese Verbalergüsse in Personalbeurteilungen ebenso lügen wie die viel geschmähte Ziffernnoten.
  • dass vielen LehrerInnen viele Ziele gar nicht klar sein können, da sie selbst gerade vor einer Stunde erfahren haben, dass sie dieses oder jenes Fach unterrichten müssen, da XY schwanger wurde oder erkrankte und sie nun einzuspringen hätten. Und somit steckt deren Hauptaufgabe in der Sichtung des Lehrstoffes, den sie morgen zu unterrichten haben - und nicht in der Ausformulierung von "Ich hätte so gerne, dass die Kinder ...."
  • dass LehrerInnen nicht nur LehrerInnen sondern auch ErzieherInnen und Teilzeitväter bzw. - mütter sein "dürfen" und in diesem Feld hat Be- bzw. Verurteilung wirklich nicht immer was zu suchen.

Die Diskussion erinnert mich immer wieder an Krankenschwestern, die ihre  Arbeitszeit heute in vielen Bereichen damit verbringen Berichte und Beschreibungen ihrer Handlungen zu verfassen, damit ihnen ja kein Fehler oder Nachlässigkeit nachgewiesen und teure Versicherungsleistungen auf sie persönlich abgewälzt werden können - oder auf ihre Krankenanstalt. Bürositzen ist dann mal gefragter als Patientenbetreuung, zwar nicht für den/die PflegerIn, aber für die Verwaltungsetage, die eigentlich dann beides haben will, eine tolle Absicherung und eine ebenso gute Pflegekraft wie sie vordem hatte. Da heißt es aber im Englischen: " You can't have your cake and eat it."

So schaut, für mich jedenfalls, Unterrichtsarbeit, Lehrersein und die damit verbundene Berufszufriedenheit nicht aus. Ich frage mich dann jedesmal wann diese klugen Köpfe das letzte Mal nicht stundenweise, sondern jahrelang unterrichtet haben, und das nicht 1 mal pro Woche an einer Praxisschule, sondern mitten in Favoriten oder Pradl oder Landeck oder Graz oder Linz, dort wo das normale ArbeiterInnenleben abläuft. Mag schon sein, dass ich in einer Volksschulklasse am Berg mit 8 SchülerInnen Zeit finde, jeden Lernfortschritt meiner Kids zu dokumentieren, aber ich - damit meine ich mich - habe dazu keine Zeit und auch keine Energie. Lieber suche ich im Web nach einer tollen Powerpoint-Präsentation über Kelten oder stelle selbst eine zusammen.

Allerdings kann ich nach meiner Selbstlearning-Unit über die Kelten tatsächlich feststellen worum es vielleicht in der Thematik der Kelten geht. Ich bin ja kein geprüfter Geschichtelehrer, aber ich liebe dieses Fach seit Jahren und unterrichte es gerne. Ich weiß auch um die Aussage, dass man aus der Geschichte lernt, dass man nichts daraus lernt, denn sonst würden sich all die Gräuel in der Menschheitsgeschichte nicht ständig wiederholen. Das werde ich ebenso zu vermitteln versuchen wie die Tatsache, dass man über sich und seine Kultur schon viele Zusammenhänge erfahren kann, sollte man sich dafür tatsächlich interessieren.

Doch soll ich nun tatsächlich ausformulieren müssen, gegendert vielleicht dazu obendrein "Schüler/in X weiß, dass Julius Caesar in den Iden des März 44 v. Chr. von Brutus und Cassius erdolcht wurde."? ""Sie kennt wichtige Daten der römischen Geschichte und hat besonderes Interesse dafür gezeigt, doch die Germanen anschließend haben sie nicht interessiert."? Glauben die Klugen tatsächlich, dass ich einen derartigen Überblick über das Wissen, Können und Wollen einer Gemeinschaft von pubertierenden Geschöpfen besitze, um derartig genaue Auskünfte über ihren langfristigen Wissensstand zu erteilen. Und dabei fragte ich noch nicht einmal, wie lange diese Gedächtnisspuren in den Gehirnen der Betroffenen verbleiben und durch welche neuartigen Reize all diese Verknüpfungen von Ganglien wieder überdeckt werden würden.

Der langen Rede kurzer Sinn - ich stehe auf Noten. Denn sie erlauben mir als zu beurteilende Person eine gewisse Flexibilität in der Abschätzung der Gesamtleistung, Kollateralschäden mitinbegriffen. Nach meinen 37 Dienstjahren jedenfalls kenne ich aus meinem persönlichen Umfeld nur ganz wenige Fälle in denen dieses System bewusst missbraucht wurde, vielleicht als Rache oder aus purer Fehleinschätzung. LehrerInnen achten ihre Kinder, nicht immer, aber fast immer - und sie verurteilen sie auch nicht solange man sie als Person nicht fortwährend verletzt. Fehlbeurteilungen ergeben sich auch - eh klar - doch über seitenlange Pensenbücher hinweg lässt sich eine Fehleinschätzung auch nicht korrigieren. Denn das Problem einer fortwährenden Fehleinschätzung liegt anderswo.

Es gab mal die Zeit - sie gilt ja wohl heute noch - da durfte man ja keine Note unter eine Kontrollübung schreiben, sondern nur Smileys oder Plus. Na, dann schreibt man halt einen Kreis darunter, ein Plus, zwei Plus, drei Plus oder kauft sich einen Stempel mit dem Aufdruck "Superman" und der Fratze eines "Ghouls".  Irgendwie erscheint mir das alles ziemlich lächerlich zu sein, wenn ich zur selben Zeit lese, dass in Syrien schon mehr als 2 Millionen Menschen aus ihrem Land geflohen sind, dass die Welt Angst vor einem Bürgerkrieg in der Ukraine hat, dass täglich Boote voll mit "Farbigen" im Mittelmeer versinken und Frontex sie am Anlegen hindert und so fort. Mein Mitleid mit den Notenbeurteilten hält sich also in Grenzen.

Schauen Sie sich einmal die Bausteinhilfen an - vergessen Sie nicht dabei, dass Sie unter Umständen mehr als 200 verschiedene Kinder in verschiedenen Fächern aus verschiedensten Milieus mit unterschiedlichen Teilleistungsschwächen aber auch Begabungen  vor sich sitzen haben, mit unterschiedlichen Förderungen oder Vernachlässigungen und - vielleicht sind sie auch nicht "fachfirm" oder sind in dieser oder jenen Klasse nur 1 Stunde pro Woche (und die fällt wegen der alljährlichen Feiertagsrotunde jedes zweite Mal aus). Tja, und dann sollen Sie derartig differenzierte Beobachtungen vorzeigen und daraus Beurteilungen ableiten können. Da bleibt mir einfach die Spucke weg. In welchem Universum leben die AutorInnen bzw. die InitiatorInnen dieser Werke? Sicher nicht in meinem!

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