Und täglich grüßt das Murmeltier

Murmeltier vor seinem Bau - Michael Töpfer
Bildquelle: bilder.tibs.at / Michael Töpfer

Viele von uns kennen sie noch, die liebenswerte und lustige Groteske mit Bill Murray und Andie MacDowell, die Geschichte vom griesgrämigen Wetter-TV-Sprecher, der in Punxsutawney am Groundhog Day sich plötzlich in einer Zeitschleife gefangen sieht. Erst als geläuterter Wohltäter kann er seinem täglichen Schicksal entkommen.

Ob diese Flucht der ExpertInnengruppe gelingen wird jedoch weiß keiner. Die Statements dieses Thinktanks erinnern mich allemal an diesen Film, denn sie wiederholen sich nun teilweise seit Jahren immer wieder. Man muss ja schließlich dem Volk sein Recht geben und das Volk will nun mal seine LehrerInnen in der "Tintenburg" sitzen sehen - und wenn man sie festzurren müsste an ihren Stühlen. So wollen es Medienlandschaft und Politk vereint dem Volk wenigstens glauben machen. Jede/r  drückte schon die Schulbank (obgleich es die seit 50 Jahren nicht mehr gibt) - und so gebärt Österreich jedes Jahr immer wieder neue ExpertInnen zu dieser Thematik.

"Unternehmen Österreich 2025"  - die Benennung des Thinktanks drückt schon einiges aus. Mich jedoch erinnern die Forderungen fatal an die Gewinnversprechungungen mancher Derivathändler vor dem Finanzcrash 2008 und die Vernichtung diverser Volksvermögen nach diesem Jahr, indem "TooBigtoFail"-Banken mit immens hohen Steuergeldsummen "geretten" wurden u.a.

Die Ergebnisse vereinfacht dargestellt und ohne bestimmte Ordnung (nach Medieninformationen):

  • In den Klassen sollen nur mehr 15 Kinder sitzen.
  • Die LehrerInnen sollen an ihren Schulen eine Kernarbeitszeit von 9 bis 15 Uhr einhalten müssen.
  • Dreijährige sollen auf ihre Deutschkenntnisse hin überprüft und bei Bedarf gefördert werden.
  • Die Kindergartenpflicht beginnt ab 4 Jahren.
  • Nur wer ausreichend Deutsch spricht darf in die Volksschule.
  • Für alle anderen soll es "spezielle Förderprogramme" geben.
  • Eine Art "Mutter-Kind-Pass" soll die Nutzung von Bildungsangeboten dieser Programme an Geld koppeln.
  • Mehr Stütz- und Fachpersonal soll die Arbeit der LehrerInnen entlasten, unter anderem SozialarbeiterInnen.
  • LehrerInnen sollen fixe attraktive Arbeitsplätze erhalten.
  • Kann man sich nicht auf das neue LehrerInnendienstrecht bis 2014 einigen, soll eine Volksbefragung durchgeführt werden.
  • Schüler werden nur mehr 7 Wochen Sommerferien haben, LehrerInnen maximal 6 Wochen.
  • Es soll Herbstferien für SchülerInnen geben.
  • SchülerInnen sollen bis zu 14 Tage individuell Urlaub beantragen können.
  • Sie sollen ihre LehrerInnen per Feedbackbogen bewerten.
  • Nach der Kernarbeitszeit ab 15 Uhr soll es für SchülerInnen Freizeit-, und Sportangebote geben und Freifächer.
  • Ab der 1. Klasse VS muss bilingualer Unterricht angeboten werden.
  • Die Sekundarstufe I wird um ein Jahr verlängert und mit einer  Art "Mittleren Reife" abgeschlossen (Die Schulpflicht endet erst, wenn dieses Ziel erreicht ist, man höre und staune!).
  • Der Fokus soll weg von Fachwissen - die SchülerInnen sollen "vernetzt" denken lernen, indem man Geschichte, Geografie, Religion und Politik im Fach "Faszination Gesellschaft" vereint.
  • Ein neues Fach "Faszination Technik/Naturwissenschaften" soll neben den neben den namensgebenden Fächern auch verwandte Disziplinen wie Werken umfassen.
  • EIn neues Fach soll "persönlicher Kompetenzentwicklung" gewidmet werden.
  • Ethikunterricht wird Pflicht, egal ob man gläubig ist oder nicht.
  • Die tägliche Sportstunde kommt.
  • Die Schulen sollen autonom werden - DirektorInnen sollen sich ihre LehrerInnen aussuchen dürfen/müssen?
  • DirektorInnen werden auf Zeit bestellt.
  • Wie und was unterrichtet wird, soll von den Lehrern gewählt werden, allerdings müssen die Schüler zentral vorgegebene Bildungsziele erreichen (Quelle: APA)
  • Die Berufsausbildung soll im Hochschulbereich besser vertreten sein durch die Schaffungvon "Berufsakademien", ein neuer, privat finanzierter Hochschultyp für wissenschaftlich fundierte Berufsaus- und Weiterbildung.
  • Diese Aufwertung der Berufsausbildung in den Hochschulbereich soll aus Drittmitteln bezahlt werden.
  • Mittel für den zu erwartenden finanziellen Mehraufwand sollen aus Umstrukturierungen im Verwaltungsapparat kommen.

Die offizielle Version der Arbeitsgruppe der ÖVP soll am 27. September veröffentlicht werden - endredigiert wie man so sagt.

Führt man sich als LehrerIn all diese Empfehlungen zu Gemüte, dann kommt wohl eine jede/r ein bisschen ins Schwitzen, wahrscheinlich auch die nicht direkt im Unterricht tätigen Menschen des Verwaltungsapparates. Der Blutdruck steigt ein wenig und man wird kurzatmiger. Auch die an der Verdauungs beteiligten Drüsen schütten vermehrt ihre Sekrete aus, denn immerhin ist dieser "Brocken" mehr als schwer verdaulich, selbst wenn er noch im virtuellen Rahmen verdaut werden muss.

Mein Murmeltiergehirn arbeitet fieberhaft und stellt einen kleinen Fragenkatalog für sich selbst zusammen:

  • Liebt mich mein/e DirektorIn noch und wie kann ich seine/ihre Liebe erhalten?
  • Welche Süßigkeiten soll ich dem SchülerInnen-Feedbackbogen beilegen oder lege ich besser einen marktgerechten Energydrink bei?
  • Wie trete dich dem Herrn Ex-Inspektor gegenüber, nachdem mein fixer attraktiver Arbeitsplatz durch seine frühzeitige Pensionierung finanziert wurde? Soll ich schamhaft auf die andere Straßenseite wechseln oder mich entschuldigen?
  • Wie erreiche ich das Ziel meiner Bilingualität, nachdem ich schon zweimal vergebens in der VHS versucht habe, des Türkischen mächtig zu werden? Darf ich 3 Auslandsjahre in Konya beantragen? Wenn ja, dann könnte ich gleich Experte für den Ethikunterricht werden, denn mir fehlt mir nur noch eine Ausbildung in Jerusalem, in einem Shaolin-Kloster und in Puna in einem Ashram meiner Wahl. Oje, ich hab das Salafistencamp in Saudi- Arabien vergessen.
  • Wie gehe ich mit dem 20-Jährigen Mr.X um, der seit 5 Jahren inmitten meiner 14-Jährigen pubertierenden Bande sitzt und versucht, seine "Mittlere Reife" zu erlangen? Wird er meine 14-Jährigen vielleicht "reifer" machen oder mich verprügeln?
  • Damit wäre ich bei der Turnstunde jeden Tag, denn da kann ich in meiner Freizeit nach 17 Uhr vielleicht mitmachen und meinen Körper stählen. Ach nein, das geht ja nicht, ich muss ja mir das Freizeitangebot ausdenken und für die Finanzierung aus Drittmitteln sorgen. Nur, schlecht gelaufen - denn um diese Zeit ist wohl kaum jemand aus der RAIKA im Büro erreichbar. Aber der Zigarettenautomat meiner Schule gegenüber ist vielleicht geeignet - keine Überwachungskamera ist auf ihn gerichtet. Der bringt's vielleicht.
  • Das Stützpersonal wird möglicherweise so genannt, weil man es stützen muss. Alle zwischengeparkten Eisenbahner und Postbeamten, auch die entlassenen Verwaltungsbeamten erhalten im Schnellsiederverfahren einen pädagogische "Stützausbildung", in der sie lernen, wie man sich "stützen" lassen kann. Und Sozialarbeiter suche ich mir aus dem "Schlachthofmilieu", denn die kenne sich dort gut aus - ich werbe sie am Haydnplatz an oder zur Zeit noch im kleinen Park am Inn beim Riesenrundgemälde. Immerhin haben diese armen Menschen sicherlich schon mit Sozialarbeit zu tun gehabt - dann müssen sie ja ExperInnen sein.
  • Toll finde ich den "Netzgedanken". Denn eigentlich brauche ich gar nichts mehr wissen, denn alles ist irgendwo im Netz - und im Netz bin ich immer sicher, denn es fängt mich auf. Doch die Knoten der einzelnen Fäden knüpfen in einr Unterrichtsgemeinschaft einzelne Menschen - mit dem was sie wissen und können. Aber wenn wir alle im Netz sind - wer knüpft dann mit seinem Spezialwissen? Wer fängt mich auf, wenn das Netz doch reißt?
  • Darf ich auch individuell 14 Tage Urlaub anfordern? Ich hätte da im November einen günstigen Flug nach Dakar? Im Sinne der Vernetzung würde ich gerne eine Partnerschaft zu einer dortigen Secondary School aufbauen? Der Flug kostet mich im Sommer das Doppelte. Mein .............  darf das schon, aber der fliegt eh nur nach Antalya.
  • Kann mich mein/e ChefIn dazu zwingen, noch in den Informatikraum zu gehen, wenn ich doch mein Tätigkeitsfeld in den Schulhof verlegt habe? Dort ist alles, Bäume, Platz für persönliche und körperliche Kompetenzen, geographische Umfeld auf der Wiese, Gesellschaftserziehung und Platz für ökologische Experimente? Ich habe gewählt und meinen Platz gefunden. Ich bin die Katze. Sollen doch die anderen die Hunde werden.
  • Darf ich als Betroffener auch bei der zukünftigen Volksbefragung mitmachen oder bin ich wie in einem offiziellen Glücksspiel davon ausgeschlossen, weil ich befangen bin? Kann ich so eine Volksbefragung auch für die "Metaller" anzetteln? Oder für jene Menschen, die ihre Steuern lieber in Liechtenstein bezahlen?

Ich habe noch ein paar Fragen an den Thinktank, doch für heute Abend reicht es mir. Man soll die Tanks nicht überfordern, sonst kommt noch etwas heraus, das einem ins eigene Knie schießt. Enough is enough - mein minimini-bilingualer Beitrag für heute. 

PS: Ich verkrieche mich nun in meinem Bau und schlafe - und wenn der schlaue Fuchsexperte vorne schnuppert, dann hab ich da noch 'nen neuen Ausgang, den er noch nicht kennt, denn den hab ich heute morgen gegraben.

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