100. Jahrestag der Ermordung der russischen Zarenfamilie (17.7.2018)

Fotografie der Familie Romanow
Bildquelle: Bundesarchiv Bild 183-R03964, Russische Zarenfamilie / commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-R03964,_Russische_Zarenfamilie.jpg?uselang=de-at / Bundesarchiv, Bild 183-R03964 / CC-BY-SA 3.0

Politische Gegner werden oft aus dem Weg geräumt, das ist nichts Besonderes. So verschwand auch die russische Zarenfamilie vor 100 Jahren mehr oder weniger spurlos. Wobei einige Spuren blieben doch zurück, die dann letztendlich zur Lösung der Frage über den Verbleib der Familie führten. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass man den Zaren der Macht enthoben und letztendlich hingerichtet hat und mit ihm auch seine Familie? Und wieso hat es so lange gedauert, bis das Schicksal der Zarenfamilie aufgeklärt werden konnte?

Der ungeliebte Zar und die Revolution

Bei der Besteigung des russischen Thrones durch Zar Nikolaus II im Jahr 1894 war die Situation im Land sehr angespannt. Die Bestrebungen die Freiheiten der Randprovinzen im Rahmen einer Russifizierung zu beschränken und die allgemeine schlechte wirtschaftliche Lage und Not im Land führten dazu, dass auch die Rolle des Zaren kritisch hinterfragt wurde. Als die Hoffnungen, dass der neue Zar diese Situation durch Reformen verbessern würde, sich nicht erfüllten, nahm der Druck weiter zu. Der Zar reagierte mit der Errichtung eines Polizeistaates, der Stärkung der Autokratie und einem Krieg (Russisch Japanischer Krieg - 1904). Die Strategie durch einen raschen Sieg die Bevölkerung abzulenken scheiterte jedoch kläglich, der Krieg brachte nur eine schwere Niederlage und in weiterer Folge entlud sich die aufgestaute Wut dann ab 1905 in einer Revolution. Zar Nikolaus II versuchte den Frieden wiederherzustellen, gab dem Druck nach und setzte eine Volksvertretung (Duma) ein. Die Lage blieb aber angespannt und das Ansehen des Zaren sank weiter, waren vielen Russen doch auch der Einfluss des Wunderheilers Rasputin auf die Zarenfamilie und der zunehmende Rückzug der Zarenfamilie aus der Öffentlichkeit und ihre selbstgewählte Isolierung ein Dorn im Auge. Als dann 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach und erste Erfolge ausblieben, übernahm der Zar das Oberkommando über das Heer. Nach weiteren militärischen Misserfolgen, die nun dem Zaren angelastet wurden, und in Anbetracht der großen wirtschaftlichen Not der Bevölkerung, die kaum mehr mit lebensnotwendigen Gütern versorgt werden konnte, war es nicht verwunderlich, dass die Spannungen weiter zunahmen. Und dann begannen sich die Ereignisse zu überschlagen: Im Dezember 1916 wurde Rasputin ermordet (von oppositionellen Mitgliedern der Zarenfamilie selbst), ab Februar 1917 kam es zu immer mehr Demonstrationen, die letztendlich in einer Revolution endeten und auch das Militär verweigerte den Gehorsam. Im März 1917 (2. bzw. 15., je nachdem ob man den gregorianischen oder julianischen Kalender heranzieht) wurde Zar Nikolaus II dann zur Abdankung bewegt und mitsamt seiner Familie inhaftiert.

Gefangenschaft und Ermordung

Neben Zar Nikolaus II und dessen Familie wurden auch noch weitere Mitglieder der Romanows inhaftiert, um jeglichen Bestrebungen die Monarchie aufrecht zu erhalten, vorzubeugen. Die Zarenfamilie selbst wurde zuerst unter Hausarrest gestellt, ehe sie aus sicherheitstechnischen Gründen im August 1917 nach Tobolsk am Ural verlegt wurde. Im Herbst 1917 gelangten dann in einer weiteren Revolution die Bolschewiken an die Macht. Um die neugewonnene Macht zu sichern und zu legitimieren wollten die Bolschewiken ursprünglich den Zaren vor Gericht stellen und in einem (Schau)prozess verurteilen. Dafür wurde die Zarenfamilie in Etappen (ein Teil der Familie folgte auf Grund des schlechten gesundheitlichen Zustands von Alexei Romanow, dem Sohn des Zaren, erst später) nach Jekaterinenburg gebracht. Die Bolschewiken unter der Führung von Lenin und Swerdlow überlegten es sich jedoch anders. Die Gefahr, dass beim Prozesss nicht das gewünschte Ergebnis zustande kommen könnte, war ihnen doch zu groß. Da man aber sichergehen wollte, dass eine Rückkehr der Romanows auf den russischen Thron ausgeschlossen ist, blieb nur mehr eine Möglichkeit: die Ermordung des Zaren und seiner Familie. So wurde die Zarenfamilie mitten in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1918 für einen Fototermin geweckt. Nachdem die Familie sich zum Foto aufgestellt hatte, wurde sie erschossen und die Leichen beseitigt.

Die restliche Familie Romanow

Es blieb jedoch nicht bei der Ermordung der Zarenfamilie. So wurden noch weitere Mitglieder der Romanows zeitgleich mit der Zarenfamilie inhaftiert und teilweise dann ebenso ermordet. Es sollte sicher gestellt werden, dass kein Romanow Ansprüche auf den Thron geltend machen konnte.

Ermittlung und Aufklärung

Nach der Ermordung der Zarenfamilie bemühte man sich die Spuren zu beseitigen und die Leichen unkenntlich zu machen. Am 20.7.1918 wurde die Erschießung des Zaren offiziell bestätigt und angegeben, dass die restliche Zarenfamilie in Sicherheit gebracht worden wäre. Dies führte zu zahlreichen Gerüchten, sodass relativ bald der Verdacht aufkam, dass die gesamte Zarenfamilie ermordet worden sein könnte. Aber die Bolschewiken blieben bei ihrer Darstellung. Die Zweifel blieben jedoch bestehen und als Nikolai Sokolow, ein eingesetzter Vermittler aus den Reihen der weißen Armee (Hauptkontrahenten der Bolschewiken), der nach der Einnahme der Stadt Jekaterinburg mit den Untersuchungen über das Verschwinden der Zarenfamilie beauftragt worden war, das Ergebnis seiner Untersuchungen präsentierte, blieben keine Zweifel mehr, dass die gesamte Zarenfamilie ermordet worden war. Allerdings konnte Sokolow nur Indizien präsentieren. Die Leichen der Familie fehlten als endgültiger Beweis und die Suche nach diesen war aufgrund der politischen Entwicklungen - die Bolschewiken übernahmen die Macht in der Sowjetunion - sehr erschwert und teilweise unmöglich. Dennoch gab es immer wieder Initiativen von Einzelpersonen, das Schicksal der Zarenfamilie aufzuklären. Eine dieser Initiaitiven, jene von Alexander Awdonin und Geli Rjabow, war im Mai 1979 erfolgreich. Sie fanden tatsächlich das vermeintliche Grab der Zarenfamilie, konnten aber aufgrund der nach wie vor herrschenden politischen Situation weder die Leichen bergen noch weitere Untersuchungen anstellen. Erst die Umwälzungen im Ostblock des Jahres 1989 ermöglichten Rjabow endlich der Öffentlichkeit von seinem Fund zu erzählen und die sterblichen Überreste der Zarenfamilie wurden 1991 exhumiert und mittels DNA-Analyse eindeutig identifiziert. Allerdings nur 9 der 11, denn zwei (Alexei und Maria) waren immer noch verschollen. Deren sterbliche Überreste wurden erst 2007 gefunden und ebenso mittels DNA-Analyse identifiziert, unter anderem durch die Gerichtsmedizin in Insbruck.

Die Romanows heute

Obwohl die Zarenfamilie nebst einigen weiteren Mitgliedern der Familie der Romanows von den Bolschewiken ermordet wurde, gelang doch einigen Romanows die Flucht, sodass heute noch direkte Nachfahren der Romanows leben. Der Mord an der Zarenfamilie selbst wurde von den Bolschewiken lange Zeit geleugnet und erst sehr spät eingestanden. Die Überreste der Zarenfamilie wurden 1998 in der Peter und Paul Kathedrale in St. Petersburg beigesetzt und die Zarenfamilie 2000 von der russisch-orthodoxen Kirche heiliggesprochen. Der Staat brauchte für die Rehabilitierung etwas länger. Aber 2008 erklärte der russische Oberste Gerichtshof Zar Nikolaus II zu einem Opfer der kommunistischen Ära, womit der Zar und seine Familie endlich rehabilitiert wurden.

 

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Bundesarchiv Bild 183-R03964, Russische Zarenfamilie / commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-R03964,_Russische_Zarenfamilie.jpg?uselang=de-at / Bundesarchiv, Bild 183-R03964 / CC-BY-SA 3.0

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